Heikonaut

Abriss als einziger städtebaulicher Ausweg für ein leerstehendes Kindergartengebäude? Dass auch andere Lösungen möglich sind, zeigt das Projekt »Heikonaut« im Berliner Bezirk Lichtenberg. Ein Künstlerkollektiv belebt das Gebäude auf kreative Art und Weise wieder. Was tun mit einem funktionslosen Kindergartengebäude, das bereits seit einiger Zeit aufgrund von fehlender Nachfrage leersteht und der Natur preis gegeben wird? Nichtstun oder Abreissen?

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Abriss als einziger städtebaulicher Auweg für ein leerstehendes Kindergartengebäude? Dass auch andere Lösungen möglich sind, zeigt das Projekt »Heikonaut« im Berliner Bezirk Lichtenberg. Ein Künstlerkollektiv belebt das Gebäude auf kreative Art und Weise wieder.

Was tun mit einem funktionslosen Kindergartengebäude, das bereits seit einiger Zeit aufgrund von fehlender Nachfrage leersteht und der Natur preis gegeben wird? Nichtstun oder Abreissen – oftmals scheinen dies die einzigen Handlungsoptionen der Kommunen zu sein, die vom Rückgang der jungen Bevölkerungsgruppen betroffen sind. Denn es gibt einige Restriktionen, die einer Wiedernutzung im Wege stehen. Da ist zum einen die fehlende Perspektive. In vielen Städten und Stadtteilen trägt der demografische Wandel dazu bei, dass die Zahl an (Klein-)Kindern deutlich rückläufig ist und eine Umkehrung des Trends mittelfristig nicht zu erwarten ist. Zum anderen scheitern Optionen einer Umnutzung des Gebäudes oftmals an der gespannten Haushaltslage, die sowieso schon mit der Sicherung des Gebäudeleerstands belastet wird. Zur Erreichung von stadtentwicklerischen Zielsetzungen wie z.B. die Stärkung der lokalen Ökonomie oder der städtebaulichen Aufwertung fehlen oftmals die Ressourcen. Eine neue Handlungsoption zeigt das Projekt des Heikonauts.

In einer leerstehenden Kindertagesstätte in Berlin-Lichtenberg in der Sewanstraße 122 wurde auf Initiative des Unternehmens Anschlaege.de ein Existenzgründerzentrum etabliert. Es richtet sich an Unternehmen und Personen der sogenannten creative industries (Modedesigner, Fotografen, Kommunikationsdesigner, etc). Der »Heikonaut« versteht sich als eine Plattform für diese Freiberufler, die die von ihnen selbst geschaffene Infrastruktur (Fotoraum, Druckwerkstatt, Kopierer, Internet, etc.) gemeinsam nutzen, um die Kosten niedrig zu halten. Die wesentliche Qualität der Einrichtung liegt in der übergreifenden Zusammenarbeit der Designer verschiedenster Profession, denen das alte Kindergartengelände mit rund 1000 qm Nutzfläche genügend Raum bietet.

Ausgangspunkt für die Idee des »Heikonauten« war das Leerstandsprojekt »Dostoprimetschatjelnosti« im Jahr 2002, im Rahmen dessen bereits eine brachenübergreifende Zusammenarbeit erprobt wurde. Personell und inhaltlich resultierte aus den Erkenntnissen die Gründung des Kommunikationsdesignlabels »Anschlaege.de«, das diesen Austausch dauerhaft unternehmerisch etablieren wollte. Nötig hierzu war primär eine entsprechende Räumlichkeit.

In Abstimmung mit dem Bezirk Lichtenberg und basierend auf dem Zwischennutzungskataster wurden verschiedene Gebäudestandorte untersucht, wobei sich die Initiatoren vor allem wegen der Raumstruktur und Größe für das Gelände in der Sewanstraße entschieden. Die enge Zusammenarbeit mündete schließlich in einen unbefristeten Nutzungsvertrag zwischen der »Anschlaege.de« GbR und dem Bezirk im Jahr 2005 sowie die Gründung des »Heikonauten« im Jahr 2006.

Seitdem hat sich einiges verändert in dem Kindergartengebäude, das entsprechend den Erfordernissen der creative industries umgestaltet wurde. Der Keller fungiert nun als Druckwerkstatt, die Klassenräume als Fotoraum, Konferenzraum und Ateliers, der ehemalige Fahrstuhl als Serverraum. Der großzügige Garten bietet einen kreativen Rückzugsraum, der von den Anwohnern des Stadtteils mitgenutzt werden kann.

Die fachlichen und atmosphärischen Qualitäten haben natürlich ihren Preis in Form von Umgestaltungs- und Betriebskosten. Diese möglichst ökonomisch und selbsttragend zu managen ist laut Axel Watzke ein wesentliches Anliegen der Betreiber. So werden die Betriebskosten maßgeblich durch die Mieteinnahmen gedeckt, während nun -nach zwei mietfreien Jahren- auch eine Staffelmiete vom Bezirk erhoben wird. Die Instandhaltungs- und Verschönerungsmaßnahmen des Gebäudes wurden von den Nutzern selbst vorgenommen und durch Spenden der Wohnungsgesellschaft HoWoGe finanziell bezuschusst. Die Finanzierung eines externen Projektmanagements sowie verschiedener Sachmittel wurde durch EFRE-Fördermittel sichergestellt, deren Akquirierung durch den Bezirk unterstützt wurde.

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Dass ökonomisches Handeln und der Bezug zum Stadtteil bei stadtentwicklerischen Projekten durchaus vereinbar sind, beweist die Tatsache, dass eine Anwohnern als Näherin für ein Modelabel angestellt wurde und ein Anwohner als Hausmeister bzw. technische Hilfskraft gewonnen werden konnten. Überhaupt scheint das Projekt mit stadtentwicklerischer Ambition in Verbindung mit künstlerisch-anregender Exklusivität dem Bezirk Lichtenberg, dessen Image und Lage eher als randständig angesehen werden kann, eine Chance geben zu wollen. Die Vorteile für den Bezirk sind schließlich nicht zu verachten. Sie liegen in der Verbesserung des Images durch das medien-affine Projekt, dessen psychologische Wirkung auf die Anwohner und der baulichen Wiedernutzung des Kindergartengebäudes mit verhältnismäßig geringen kommunalen Mitteln.

Diese »passive Förderung« aus kommunaler Sicht ist aber auch der größte Nachteil – zumindest bezogen auf die potenzielle Übertragbarkeit des Projektes. Initiativen wie der »Heikonaut« sind wesentlich getragen von privatem Engagement. Die Rolle der Kommune beschränkt sich auf die vertragliche Erlaubnis der Nutzung, eine kooperative Grundhaltung gegenüber den Nutzern und die Subventionierung durch Erlass der Miete bis auf die Betriebskosten. Kosteneinsparungen ergeben sich durch die Übernahme der Gebäudeinstandsetzung und -pflege durch die Nutzer.

Inwieweit ein Projekt wie der »Heikonaut« auf andere Städte und Stadtteile übertragen werden kann, hängt maßgeblich von der Privatinitiative eines Gründungsunternehmens ab. Dass eine solche Umnutzung einer Kindertagesstätte aber machbar ist, zeigt das vorliegende Beispiel in positiver Art und Weise.

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Interview
mit Axel Watzke (Mitte)

Warum haben Sie den peripheren Bezirk Lichtenberg den typischen creative zones Berlins vorgezogen?
Wir wählten Lichtenberg, weil hier eine langfristige Planung jenseits von Gentrifizierung und Zwischennutzungen möglich ist. Außerdem erschien uns eine gewissen Entfernung zum Innenstadt-Zirkus für eine konzentrierte Arbeit förderlich. Zudem bietet die Innenstadt keine Immobilie mit fast 4000 Quadratmeter Garten…

Wie beurteilen Sie die alltägliche Zusammenarbeit der verschiedenen Nutzer des Heikonauten?
Neben dem tagtäglichen Know-how-Transfer, der nicht zu überschätzen ist, spielt vor allem die gegenseitige Inspiration eine große Rolle. Oft entstehen dadurch gemeinsame Projekte. Am wichtigsten aber ist die Erkenntnis, dass unser Modell des Zusammenarbeitens ökonomisch sinnvoll ist, da Wissen, Infrastrukutur und ManPower oft geteilt werden. Dies geschieht niemals unter Zwang, sondern ergibt sich einfach durch die Vertrauensbasis zwischen den Mietern und deren ökonomischen Verstand.

Welche Faktoren waren ausschlaggebend für den Erfolg?
Der entscheidende Faktor war, den Bezirk Lichtenberg als wirklichen Partner zu gewinnen, der von dem Projekt begeistert ist. Damit meine ich keinen Partner, der nur abnickt und irgendwie „mitmacht“, sondern eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Dafür braucht es nicht zuletzt von unserer Seite Verständnis für die Belange einer Behörde. Unsere Erfahrung im Umgang mit Behörden war dabei sicher hilfreich. Der zweite Punkt ist: Zeit. Genug Zeit, um sich das Netzwerk entwickeln zu lassen und dadurch eine nachhaltige Dynamik im Haus zu schaffen. Dabei half, dass uns der Mietvertrag für zwei Jahre von einer Mietzahlung befreite. Somit konnten wir uns die Mieter sorgfältig aussuchen und mussten das Haus nicht sofort komplett vermieten. Viele andere ähnliche Projekte haben diese Aufwärmphase nicht und schaffen es daher nicht, die Mieterstruktur auf die Bedürfnisse der Mieter abzustimmen.

Axel Watzke ist Mitbegründer des Design-Unternehmens Anschlaege.de sowie Initiator des Projektes „Heikonaut“.

Quellen:

ANSCHLAEGE.DE (2008):
Heikonaut – Kreativzentrum Kulturwirtschaft Berlin – Lichtenberg.
http://www.heikonaut.de/index.php (Zugriff: 13.03.2008).

ANSCHLAEGE.DE (2008):
Heikonaut. http://www.anschlaege.de/project/index.php?id=31 (Zugriff: 13.03.2008).

D22:INSTITUT FÜR KREATIVE NACHHALTIGKEIT (2008):
Experimentcity. Anschlaege.de – Heikonaut.
http://www.experimentcity.net/index.php?id=154,0,0,1,0,0 (Zugriff: 13.03.2008).

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