22@Barcelona

Damit eine Stadt heute im innereuropäischen Vergleich wirtschaftlich ernst genommen wird, ist es für sie wichtig auf den Feldern Informationstechnologie und kreative Industrien gut aufgestellt zu sein. Doch für die Unterstützung gerade letzterer müssen eingetrampelte Pfade verlassen werden. Das Projekt 22@Barcelona zeigt, dass die Förderung wissensintensiver Branchen auch über den Umweg der Stadtentwicklung führen kann. [...]

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Damit eine Stadt heute im innereuropäischen Vergleich wirtschaftlich ernst genommen wird, ist es für sie wichtig auf den Feldern Informationstechnologie und kreative Industrien gut aufgestellt zu sein. Doch für die Unterstützung gerade letzterer müssen eingetrampelte Pfade verlassen werden. Das Projekt 22@Barcelona zeigt, dass die Förderung wissensintensiver Branchen auch über den Umweg der Stadtentwicklung führen kann.

Kreative Industrien weisen zumeist räumliche, personelle und organisatorische Strukturen auf, die durch eine klassische Wirtschaftsförderung nicht (oder nur teilweise) erreicht werden. Um alle Unterschiede zu klassischen Unternehmensstrukturen darzustellen, ist hier kein Platz, aber als grundlegende und stadtentwicklungsrelevante Merkmale können unter anderem folgende beschrieben werden: Oft entstehen in kreativen Industrien tätige Unternehmen aus losen Strukturen freiberuflich arbeitender Einzelpersonen und bestehen zuweilen nur für die Dauer eines Projektes oder Auftrages. Diese Dynamik wird durch die räumliche Nähe und damit zeitnahe Verfügbarkeit geeigneter Räumlichkeiten und einzelner qualifizierter Arbeitskräfte begünstigt, unabhängig davon ob Arbeitsplatz oder Wohnort diese Nähe garantieren. Hinzukommt, dass Arbeits- und Privatleben oft zeitlich wie auch sozial vermischt sind, was eine besondere Alltagsorganisation zur Folge hat. Private Besorgungen, Freizeitaktivitäten genau wie ein Treffen mit Freunden finden oft mitten am Tag zwischen der Arbeit statt.

In Barcelona unterstützt man die Ansiedlung kreativer Industrien durch das Projekt »22@Barcelona« (auch 22@ genannt). Es umfasst Maßnahmen auf den Sektoren der kommunalen Wirtschaftsförderung und der Stadtplanung für Poblenou, einem Industrieviertel im Herzen Barcelonas, das bessere Tage gesehen hat. Um im Rahmen von »22@« unabhängiger und schneller handeln zu können, gründete die Stadt Barcelona im Jahr 2000 eine Tochtergesellschaft namens »22@bcn« (Aktiengesellschaft). Sie ist mit der Umsetzung der durch die Stadt beschlossenen Schritte betraut.

Die städteplanerischen Maßnahmen können nach höchst investiven städtebaulichen Eingriffen, vor allem im Bereich der technischen Infrastruktur, und der modularen Adaption bestehender Planwerken unterschieden werden. Letztere beinhalten unter anderem die Modifikation der Bebauungsordnung des knapp 22 Hektar umfassenden Projektgebiets, das bislang als reine Industriezone ausgewiesen war. Diese Modifikation wird als eigenständiges Planwerk behandelt und ist bekannt unter dem Kürzel »MPGM«, das für »Modifikation des allgemeinen Metropolenplans« (katalanisch »Modificació del Pla General Metropolità«) steht.

Die Leistung der »MPGM« geht über die einer gewöhnlichen Bebauungsordnung hinaus, indem sie neben der planerisch-ordnenden auch eine wirtschaftlich-fördernde Dimension besitzt, die sich nicht nur in einer gewissen Liberalität gegenüber erwünschten Nutzungen äußert. Vielmehr definiert die »MPGM« Standards, die es zu erreichen gilt und garantiert damit ein Mindestmaß an Funktionsvielfalt, das durch eine konventionelle Bebauungsordnung möglich, aber nicht sicher ist. Die Formulierung dieser Standards orientiert sich an Merkmalen der kreativen Industrie, wie sie oben grob skizziert wurden.

Die »MPGM« kennt keine Nutzungsbeschränkungen. Lediglich jene Arten industrieller Fertigung, die gesundheitsschädliche Emissionen verursachen, sind ausgeschlossen. Um die eben erwähnte Durchmischung zu erreichen, gibt es aber auch Auflagen. So können beispielsweise die für Barcelonas Rasterstruktur typischen Blocks nur dann mit ihrer maximalen Dachfläche von 6000qm bebaut werden, wenn sich ein Mindestraumanteil von 20 Prozent durch seine funktionale und architektonische Ausprägung für wissensintensive Branchen eignet. Außerdem sind die Grundeigentümer im Falle einer Neuplanung oder eines Umbaus dazu verpflichtet 30 Prozent der Grundfläche einem bestimmten Nutzungsschlüssel zu widmen, der zu gleichen Anteilen Wohn-, Büro- und Grünflächen vorsieht. Diese Flächen stehen unter kommunaler Verwaltung und sollen die Entwicklung kleinteiliger Interventionen fördern. Man erhofft sich durch diese Voraussetzung auch Auswirkungen auf die städtebauliche Form, denn die durch den Cerdá-Plan determinierte Rasterstruktur bleibt zwar erhalten, zwingt aber nicht mehr in eine bestimmte Morphologie.

Diese städtebauliche wie wirtschaftspolitische Weichenstellung ist der Rahmen für das insgesamt sehr kostspielige 22@Barcelona-Projekt. Seine Ausgestaltung ist schon weit vorangeschritten. Der einzige Anreiz zur Umgestaltung, der den Grundeigentümern bis dato gegeben wurde, sind (außer dem Infrastrukturausbau) die in der »MPGM« formulierten Versprechen, die eine Attraktivitätssteigerung und damit einen Zuwachs des Grundwertes anstreben.
Dass die »MPGM« in einer Bebauungsordnung Ausdruck findet, zeigt beispielhaft, dass Maßnahmen der kommunalen Wirtschaftsförderung und städtebaulichen Transformation nicht nur aus Steuergeschenken und Subventionen bestehen müssen, denn oftmals bestehen immanente Veränderungsmöglichkeiten innerhalb der kommunalen Planung, die ohne zusätzliche Kosten einen Beitrag zur Stadtentwicklung bzw. Wirtschaftsförderung leisten können.

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