nt*/areal

Städtische Entwicklung hat nicht nur eine räumliche sondern auch eine zeitliche Dimension. Dass sich bei der Entwicklung eines Gebietes oftmals bemerkenswerte Potenziale ergeben, wenn man Flächen zeitlich effektiv nutzt, verdeutlicht das folgende Beispiel in Basel (CH). Das 18 Hektar große »nt*/areal« ist seit nunmehr acht Jahren Beispiel dafür wie ein langer Planungsvorlauf einer städtebaulichen Entwicklung [...]

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Städtische Entwicklung hat nicht nur eine räumliche sondern auch eine zeitliche Dimension. Dass sich bei der Entwicklung eines Gebietes oftmals bemerkenswerte Potenziale ergeben, wenn man Flächen zeitlich effektiv nutzt, verdeutlicht das folgende Beispiel in Basel (CH). Das 18 Hektar große »nt*/areal« ist seit nunmehr acht Jahren Beispiel dafür wie ein langer Planungsvorlauf einer städtebaulichen Entwicklung genutzt werden kann um verschiedensten Nutzungen und Kleinstökonomien temporär Flächen bereitzustellen. Resultat ist ein Mehrwert für die Stadtgesellschaft. Dem Investor kann dies nur Recht sein.

Initiiert wurde das Projekt im Jahr 2000. Nach der schrittweisen Stilllegung des von der Deutschen Bahn AG (DB) bewirtschafteten Bahnhofsareals in der zweiten Hälfte der 1990er und eines ersten städtebaulichen Wettbewerbs war auf Grund diverser Verzögerungen im Planungsprozess und der Größe des Areals mit einem längeren Planungs- und Realisierungszeitraum zu rechnen. Warum sollte man in dieser Zeit die Flächen nicht zwischennutzen?

Dies dachten sich auch der Soziologe Philippe Cabane und der Geograf Matthias Bürgin als sie im Jahr 1997 die Studie »Akupunktur für Basel« als Grundlage und Programm für eine mögliche Zwischennutzung verfassten. Ziel der Machbarkeitsstudie war es, Modelle für die Umsetzung von mikroökonomischen Zwischennutzungen auf dem »nt*/areal« zu entwickeln und zu prüfen, inwiefern dies als Strategie der Stadtentwicklung zum Tragen kommen kann. Das Konzept einer bewussten Integration von Zwischennutzungen, um von einem möglichen Imagetransfer für das Areal zu profitieren, überzeugte die Eigentümerin.

Seit April 1999 organisieren und betreuen nun die Autoren sowie Baseler Stadtforscher und Kulturschaffende mit ihren Vereinen »k.e.i.m« und »v.i.p.« auf dem ehemaligen Güterbahnhofsgelände die einzelnen Zwischennutzungsprojekte. Durch mikroökonomische Projekte soll vor der Entwicklung durch die Eigentümerin ein urbaner Kern etabliert werden. Und dieser Kern beeindruckt durch seine außergewöhnlich kreative Nutzungsdiversität.
Mit der Einrichtung des Restaurants „Erlkönig“ in der ehemaligen Betriebskantine, der Lounge Bar und der Umnutzung des Wagenmeistergebäudes als Laboratorium für Kultur und Stadtentwicklung haben die Nutzer Treffpunkte geschaffen, die zum Ausgangspunkt für eine Bandbreite weiterer Nutzungen wurden: Einen multikulturellen Sonntagsmarkt, Musicalparking, ein türkisches Tanzlokal, Raum für Trendsportarten (nt-dirt, scaterbowl, boulderstrecke), eine Bar, die von Studenten betrieben wird, ein Gartenlabor für Kinder…

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Die gesamten Aktivitäten werden von den Vereinen »k.e.i.m« und »v.i.p.« gesteuert, die einige der gastronomischen Nutzungen selbst betreiben und sich zudem darum bemühen, dass sich weitere Zwischennutzungen auf dem DB Areal ansiedeln können. Aktuell hat der Verein k.e.i.m. zwanzig Mitglieder und legt vornehmlich Wert auf den mikroökonomischen Pioniercharakter der Projekte, während v.i.p. mit ca. 150 Mitgliedern durch eine Vielzahl von eher kleineren Projekten den Bezug zum Stadtquartier gewährleistet. Flankiert werden die beiden Vereine seit 2007 durch den Verein »E-Halle«, der von der Immobilienverwaltungsgesellschaft der DB Vivico und dem Kanton initiiert wurde, und das Angebot gastronomisch und kulturell erweitert.

Während »k.e.i.m« als Rechtspersönlichkeit verantwortlich für die Miete der Räume und Flächen ist und sich hauptsächlich durch die Lounge finanziert, stützt sich v.i.p. auf die Einnahmen durch eine Parkplatzvermietung. Diese Projekte gewährleisten die Querfinanzierung anderer weniger kapitalbringender Nutzungen. Beide Vereine k.e.i.m und v.i.p. tragen sich vollständig selbst. Zwar gab es Starthilfen von verschiedenen Stiftungen und Fonds für die Bereitstellung von Infrastrukturen, der Betrieb finanziert sich jedoch hundertprozentig aus den Einnahmen.
Eine kooperative Zusammenarbeit zwischen dem Eigentümer, dem Kanton und den bestehenden Zwischennutzungen findet bisher jedoch nur beschränkt und situativ statt. Die Rolle der Kommune beschränkt sich auf nicht materielle Unterstützung (positive Wahrnehmung, Ausloten von Spielräumen in Bewilligungsverfahren, koordinative Instrumente etc.)

Trotz der eher losen Zusammenarbeit zwischen den Zwischennutzern bzw. deren Koordination durch k.e.i.m und v.i.p. mit den Planungsbehörden, besteht ein explizites Ziel in der Integration der Nutzungen in die gesamtstädtische Planung.
In der Studie »Akupunktur für Basel« heißt es hierzu: „Für das DB-Areal soll … aufgezeigt werden, wie die Zwischennutzung gleichzeitig und zusätzlich auch als Strategie zur Stadt(teil)entwicklung zum Einsatz kommen kann, um damit im Sinne einer Win-Win-Strategie den Instrumenten der formellen Planung ein wirkungsvolles informelles Instrument zur Seite zu stellen.“ (Bürgin, Cabane 1999) Während somit eine gewisse Vereinbarkeit mit stadtentwicklerischen Zielen gewährleistet ist, die allerdings hauptsächlich in der planerischen Hand der Zwischennutzer liegt, fallen für den Kanton keinerlei zusätzliche Kosten an.
Die eher passive Rolle der Kommune ist sicherlich ein Hemmnis hinsichtlich der Übertragbarkeit der Projektidee auf einen anderen Standort, die durch die kommunale Verwaltung initiiert wird.

Das »nt*/areal« zeigt dennoch vorbildlich, welch Potenzial aus einer effektiven temporären Nutzung geschöpft werden kann, welch positiven Effekte für die Stadt(teil)gesellschaft entstehen können und dass diese Entwicklung auch durchaus mit privatwirtschaftlichen Eigentümerinteressen vereinbar ist.

Interview
mit Philippe Cabane, Stadtsoziologe

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Herr Cabane, warum hat sich das Güterbahnhofsgelände in Basel für eine Zwischennutzung angeboten?

Vielleicht wäre zuerst einmal der Standort Basel als solcher zu nennen. Die schon seit einem Jahrzehnt bestehende Tradition von kulturellen Zwischennutzungen stiess in breiten Kreisen auf ein positives Echo. Aufgrund der recht guten Erfahrungen mit zahlreichen anderen Projekten herrschte auch Offenheit von Seiten der Behörden und Eigentümer.
Es war absehbar, dass die Planung und Realisierung eines 20ha umfassenden Masterplans im städtebaulich nur wenig geübten Basel viel mehr Zeit beanspruchen würde, als dies von den Planern dargestellt wurde. Ferner war mit dem Programm des ersten städtebaulichen Wettbewerbs klar, dass der Kanton öffentliche Grün- und Freiflächen und eine öffentliche Verbindung in ein wichtiges Naherholungsgebiet plant. Warum sollte wir bis zum Abschluss aller politischen Verhandlungsprozesse warten, wenn die Freiflächen über Zwischennutzungen schon heute verfügbar sein könnten?
Für mich als Stadtplaner und Soziologe war das Areal natürlich auch ein wichtiges Experimentierfeld, um zu beweisen, dass ein Ort erst durch die Menschen und ihre Aktivitäten lebt. Die Rolle der Architektur für so genannte «Urbanität» spielt eine weit geringere Rolle, als dies in den 90er Jahren (und vielerorts auch heute noch) behauptet wurde.

Welche Maßnahmen waren nötig, um die Baseler Bewohner auf die neuen (Zwischen-)Nutzungen im ehemals abgeschlossenen Bereich des Güterbahnhofs aufmerksam zu machen?

Das geschah auf verschiedenen Ebenen: Einmal spielte die von Matthias Bürgin und mir im Vorfeld verfasste Studie «Akupunktur für Basel» bei Entscheidungsträgern und beim Fachpublikum eine wichtige Rolle. Was die Besucher des Areals angeht, haben wir darauf geachtet, dass jedes Projekt seinen eigenen Kreis anzieht. Durch diese bewusste Pflege von kultureller Differenz weitete sich der Kreis systematisch aus. Ein wesentlicher Faktor sind vor allem auch Projekte wie der Sonntagsmarkt. Dieser hat sich in kürzster Zeit zum multikulturellen Treffpunkt des ganzen Quartiers etabliert. Wichtig war uns auch hier, dass der Markt und die Foodstände von Quartierbewohnern betrieben werden.

Welche positiven Eigenschaften ihres Projektes könnten als Modell für Zwischennutzungsprojekte auf Bahnarealen in anderen europäischen Großstädten dienen?

Wir haben es geschafft, auf privater Basis ein lose strukturiertes Quartiermanagement zu etablieren, das einen öffentlichen Freiraum auf privater Basis betreibt. Das hierfür notwendige Geld erwirtschaften wir selbst. Diese Form von selbstorganisierter auf Mikroökonomien basierende Öffentlichkeit ist weit urbaner, flexibler und kostengünstiger als die Realisierung und der Betrieb von so genannten Designerparks.

Philippe Cabane, Lizentiant in Soziologie, Philosophie und Geografie sowie Diplomand in Städteplanung, arbeitet als freiberuflicher Projektentwickler in Basel/Schweiz.

QUELLEN:

BUNDESAMT FÜR BAUWESEN UND RAUMORDNUNG (BBR) (Hrsg.) (2004): Zwischennutzung und neue Freiflächen – Städtische Lebensräume der Zukunft. Dokumentation des Forschungsvorhabens. Bonn.

BÜRGIN, Matthias; CABANE, Philippe (1999): Akupunktur für Basel. Zwischennutzung als Standortentwicklung auf dem Areal des DB-Güterbahnhofs in Basel. Basel.
http://www.areal.org/areal_alt/download/zn_mb.pdf [04.03.08]

OVERMEYER, Klaus (Red.); SENATSVERWALTUNG FÜR STADTENTWICKLUNG BERLIN (Hrsg.)(2007): Urban Pioneers – Berlin: Stadtentwicklung durch Zwischennutzung. Temporary Use and Urban Development in Berlin. Jovis Verlag. Berlin.

Zwischennutzung als strategisches Element der Stadtentwicklung – Beispiel Basel
Gespräch mit Dr. Elmar Schütz (Vivico Real Estate Frankfurt), Fritz Schumacher (Kantonsbaumeister Basel-Stadt), Matthias Bürgin und Philipp Cabane (Verein V.I.P/ k.e.i.m. Basel)

STUDIO URBAN CATALYST (2007): Open-Source Urbanismus Vom Inselurbanismus zur Urbanität der Zwischenräume. In: archplus H.183/Mai 2007.

http://www.areal.org/areal/index.php [04.03.08]

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