Koordinierungsstelle Flächenmanagement (Neuland)

Auch wenn es in deutschen Großstädten einige auf Stadtteilebene engagierte Bürger gibt, so sind sie doch immer noch die Ausnahme. Umso wertvoller ist ihre Leistungsbereitschaft für das Quartier wie auch für die Verwaltung. Doch aus Engagement, das den Kontakt mit der Behörde erfordert, wird meist nicht mehr als eine gute Absicht. Das Projekt Neuland zeigt, [...]

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Auch wenn es in deutschen Großstädten einige auf Stadtteilebene engagierte Bürger gibt, so sind sie doch immer noch die Ausnahme. Umso wertvoller ist ihre Leistungsbereitschaft für das Quartier wie auch für die Verwaltung. Doch aus Engagement, das den Kontakt mit der Behörde erfordert, wird meist nicht mehr als eine gute Absicht. Das Projekt Neuland zeigt, wie man die Berührungsängste mit dem Amt minimieren kann und so das lokale Potenzial ausschöpft.

Nicht nur in Fachkreisen sondern auch in den Feuilletons großer Tageszeitungen gehören schrumpfende Städte und bevölkerungsstrukturelle Veränderungen heute zu fest etablierten Themen. Verfolgt man den öffentlichen Diskurs über diese Phänomene, bekommt man den Eindruck bald lebten wir in Deutschland in einer menschenleeren Wüste. Doch wenn man sich in den Innenstädten von München, Leipzig oder Hamburg umsieht, hat man nicht den Eindruck als gäbe es weniger Fußgänger, Radfahrer und Autos. Auch fühlt man sich nicht wie umzingelt von Ausflugsgruppen unternehmungslustiger Senioren.

Und doch sind diese Phänomene keine Fata Morgana. Es gibt Orte, an denen sie zur harten Realität geworden sind. Der Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf ist so ein Ort. Die dortigen Großwohnsiedlungen umfassen 100.000 Wohnungen. Hellersdorf gilt sogar als größte zusammenhängende Plattenbausiedlung Deutschlands. Weder sie noch die Schwestersiedlung in Marzahn waren jemals voll ausgelastet. Obendrein leben dort seit 1993 immer weniger Menschen. In den 90er Jahren hat die Einwohnerzahl ganze 14 Prozent von ehemals rund 250.000 auf ca. 215.000 abgenommen. Die Senatsverwaltung von Berlin prognostiziert sogar, dass Marzahn-Hellersdorf bis 2020 der Bezirk mit dem höchsten Bevölkerungsschwund in ganz Berlin sein werde. Angesichts dieser drastischen demographischen Veränderungen können viele Infrastruktureinrichtungen nicht mehr aufrecht erhalten werden, weshalb in den kommenden Jahren bis zu 100 Hektar ehemals von öffentlichen Einrichtungen genutzte Flächen frei werden.

Ein so großer Flächengewinn in so kurzer Zeit kann für noch intakte Strukturen durch Verwahrlosung und Verödung zur Gefahr werden. Um es erst gar nicht so weit kommen zu lassen, müssen also Maßnahmen getroffen werden. Allerdings lässt Berlins Haushaltslage keine großen Investitionen in Projekte ohne unmittelbare Handlungsnotwendigkeit zu. Deshalb ist Kreativität gefragt, am besten solche, die für die Stadt umsonst ist. Zwischennutzungen, die von Bürgern organisiert und realisiert werden, erfüllen diesen Anspruch. Aber wie bringt man die Idee der Bürger auf die Brache?

Im Rahmen von Stadtumbaumaßnahmen, in welchem das Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf mit Hilfe von Befragungen und Einwohnerversammlungen auch Zwischennutzungsmöglichkeiten auf Brachen eruierte, beschloss man im Juni 2004 eine Neuerung: Die sogenannte Koordinierungsstelle Flächenmanagement, inzwischen Koordinierungsstelle Zwischennutzung, versucht die Hürden für engagierte Bürger mit einer Idee für eine Brache zu minimieren. Obwohl es dabei um das Verwalten der städtischen Liegenschaften geht, ist die Stelle dem Stadtplanungsamt des Bezirks angegliedert und fungiert als zentrale Anlaufstelle für Interessenten. Von ihr werden die für Zwischennutzungen geeigneten Brachen ausgewählt und katalogisiert. Darüber hinaus kommuniziert sie das aktuelle Flächen- und Zwischennutzungsangebot an potenzielle Nutzer und Initiatoren. In der Vorbereitungs- und Durchführungsphase von Projekten auf den Brachen vermittelt das »one-stop-office« auf unbürokratische Weise zwischen Initiatoren, Eigentümern, Entwicklern und Planern. Letztendlich ist die Koordinierungsstelle auch mit der stadtplanerischen Aufgabe betraut, sich zu bemühen, die Wirkungen der Projekte für den Stadtteil zu konservieren und in die bestehenden Planungen einzuflechten. Damit kann das Aufgabenspektrum mit den Worten „Kommunizieren, Vermitteln, Suchen, Entwickeln, Speichern“ zusammengefasst werden.

Um dieses Dienstleistungsangebot bekannt zu machen, wurde 2006 die PR-Kampagne »Neuland« gestartet, die mit auffälligen Objekten im öffentlichen Raum (siehe Bild oben) das Interesse der Bewohner der Großwohnsiedlung wecken sollte. Da diese Maßnahme als Teil einer allgemeinen Image-Kampagne des Bezirks Marzahn-Hellersdorf konzipiert und durch Mittel aus dem Programm Sozial Stadt gedeckt war, wurden keine zusätzlichen Kosten verursacht. Auch der personelle Kostenrahmen musste nicht erweitert werden, denn die Stelle wird vom Bezirk jährlich neu beantragt und in der Regel durch eine/n Beamten/in aus dem Personalüberhang des Landes Berlin besetzt. Damit umfasst das Instrumentarium der Koordinierungsstelle außer einer Arbeitskraft lediglich eine Standortdatenbank für verfügbare und freiwerdende Gemeinbedarfsflächen sowie eine Website zur Außendarstellung und Kommunikation des Projekts. Neben 30 Euro pro Jahr für die Internetpräsenz entstanden dem Bezirk keine weiteren Kosten. Die teilweise notwendige Parzellierung und Herstellung brachgefallener Flächen durch Zäune und Begrünung wurden durch Mittel des Stadtumbaus, also den Bund und das Land Berlin, gedeckt. Ansonsten entstand keine finanzielle Belastung für die öffentliche Hand.

Die bislang von der Koordinierungsstelle begleiteten Zwischennutzungen konzentrieren sich vor allem auf die Einrichtung von Gärten jeglicher Art. Helga Zschocher, die Leiterin der Koordinierungsstelle, sieht den Grund dafür darin, »dass die mit einem solchen Garten verbundenen Kosten überschaubar bleiben und auch die sonstigen Verpflichtungen für die Beteiligten nicht zu groß sind.« Diese Erscheinung spiegelt sich in der ambivalenten Bilanz der Koordinierungsstelle Flächenmanagement wieder: zwar ist das Engagement der Siedlungsbewohner für die Brachen eher schwach ausgeprägt, dennoch ist zu bemerken, dass das Vorhandensein des Angebots geschätzt wird. Dort wo früher Kindertagesstätten und Schulen standen und nun eigentlich die Bühne für Ideen aus der Nachbarschaft sein sollte, greift das wilde Grün langsam um sich. Aber auch das birgt eine neue Qualität. Die Bewohner begreifen die Flächen als eine Erweiterung des Freiflächenangebots und nutzen sie auch so. Das Hauptanliegen des Bezirks, eine Maßnahme gegen die drohende Verwahrlosung der Flächen einzuleiten, hat also gegriffen.

Interview
mit Helga Zschocher von der Koordinierungsstelle Flächenmanagement

Frau Zschocher, von welchen Faktoren hängt Ihrer Meinung nach es in erster Linie ab, ob ein Angebot wie das von »Neuland« angenommen wird?
Man muss die Flächen bekannt machen und im öffentlichen Gedächtnis halten. D.h. kommunizieren vor Ort wie mit dem Projekt NEULAND und im Internet. Wünschenswert wäre schon, die Flächen für „null Euro“ Akteuren zu überlassen, aber dann bliebe der Bezirk auf seinen anfallenden Betriebskosten sitzen.

Haben Sie die Erfahrung gemacht, dass durch die Koordinierungsstelle Leute mobilisiert wurden, die sonst durch den Behördendschungel abgeschreckt worden wären?
In der Regel erwarten die Interessenten, die sich an mich wenden, dass ihnen die Unannehmlichkeiten der Amtsgänge erspart bleiben. Aber leider lässt sich auch durch die Koordinierungsstelle der Behördendschungel nicht umgehen. Man kann lediglich behilflich sein, ihn zu durchschauen und die Leute an die „richtige Stelle“ weiterleiten.

Würden Sie vor dem Hintergrund Ihrer Erfahrungen in der Koordinationsstelle eine maßgeblich von Bürgerprojekten getragene Planung für Quartiere als nachhaltige Lösung erachten?
Die Koordinierungsstelle ist ja selbst temporär innerhalb der Stadtplanung in den Bereich des Stadtumbaus Ost integriert. Stadtumbau ist ein Prozess, der starke Betroffenheit auslöst und dabei ein hohes Maß an Verträglichkeit einfordert- und zwar mit Hilfe von Bürgerengagement- auch in Hinblick auf nachhaltige Lösungen.

Helga Zschocher ist Stadtplanerin und betreut seit 2005 die Koordinierungsstelle sowie die Aktion »Neuland«.

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