Beweidungsprojekt Paunsdorf

Ein Projekt in Leipzig zeigt, dass die extensive Beweidung von urbanen Freiflächen nicht nur eine spannende Angelegenheit sein kann, sondern auch eine ökonomisch sinnvolle Alternative zu konventionellen Pflegemaßnahmen. Das Beweidungsprojekt ist Baustein des Konzepts »Grüner Bogen Paunsdorf« (120 ha), eines großen Freiraumvorhabens am nordöstlichen Stadtrand von Leipzig, welches sich die Neukonfiguration eines urban geprägten Landschaftsraums [...]

Przewalski-PferdEin Projekt in Leipzig zeigt, dass die extensive Beweidung von urbanen Freiflächen nicht nur eine spannende Angelegenheit sein kann, sondern auch eine ökonomisch sinnvolle Alternative zu konventionellen Pflegemaßnahmen.

Das Beweidungsprojekt ist Baustein des Konzepts »Grüner Bogen Paunsdorf« (120 ha), eines großen Freiraumvorhabens am nordöstlichen Stadtrand von Leipzig, welches sich die Neukonfiguration eines urban geprägten Landschaftsraums um eine Plattenbausiedlung mit 20.000 Einwohner zum Ziel gesetzt hat. Das heterogene Umfeld der 70er-Jahre Siedlung setzt sich aus einem ehemals militärisch genutzten Gelände, brachliegenden landwirtschaftlichen Nutzflächen, dem Paunsdorfer Wäldchen und Wohnsiedlungen der 90er Jahre zusammen. Das Gebiet ist charakterisiert durch eine hohe Wohndichte, fehlende Freizeit- und Erholungsangebote, soziale Konflikte besonders unter Jugendlichen, eine fehlende Anbindung an vorhandene Grünstrukturen und damit verbunden Nutzungskonflikten auf den wenigen existierenden öffentlichen Grünflächen.

Das Freiraumkonzept umfasst unter anderem die Sicherung des schützenswerten Landschafts- und Biotopcharakters der ehemaligen 36 Hektar großen, im Besitz der Stadt befindlichen Manöverfläche und der brachliegenden umliegenden Nutzflächen. Der Einsatz konventioneller Pflegemaßnahmen, selbst unter Einbezug von ABM Kräften, stellte sich jedoch nach kürzester Zeit als finanziell nicht länger tragbar für die Kommune heraus. Auf Initiative der beteiligten Landschaftsplanerin Trude Poser hin konnte jedoch unter Einbezug der Primigenius gGmbH, die bereits Erfahrung bei der Beweidung ländlicher Flächen unter der Prämisse der Landschaftspflege und des Naturschutzes vorweisen konnte, und der Stadt Leipzig ein wegweisendes Konzept entwickelt werden, welches die Beweidung der Flächen vorsieht und Heck-Rinder und Wildpferde als Landschaftspfleger einsetzt. Heck-Rinder in Leipzig-PaunsdorfDie Beweidung wird seit September 2004 von der gemeinnützigen »Primigenius Köthener Naturschutz- und Landschaftspflege gGmbH« als Pächter der Flächen durchgeführt, welche zur Professionalisierung der Landschaftspflege vom NABU Köthen gegründet wurde. Die gGmbH finanziert sich nach einer Anlaufphase zu 100% durch die Vermarktung von Öko-Rindfleisch, Zuchtrindern sowie durch naturschutzorientierten Landschaftspflege selbst. Die Pflegeleistung auf den im Besitz der Stadt befindlichen Flächen werden seitens der »Primigenius gGmbH« kostenlos erbracht. Im Gegenzug wird auf eine Pacht verzichtet. Lediglich zu Beginn des Projekts wurde die Umzäunung der Flächen sowie die technische Ausstattung der gGmbh von der Stadt finanziell mitgetragen. Der Tierbestand konnte aus einem anderen Beweidungsprojekt der »Primigenius gGmbH« zusammengestellt werden. Das angestrebte Ziel einer finanziell tragbaren Sicherung und Pflege des Offenlandcharakters auf der ehemaligen Manöverfläche konnte dadurch erreicht werden.

Das Projekt zeigt, dass die extensive Beweidung eine sinnvolle ökonomische Alternative zu konventionellen Pflegemaßnahmen auch im urbanen und suburbanen Umfeld darstellen kann, wenn die Flächengröße und deren Zuschnitt ausreichend bemessen sind. Darüber hinaus beweist das Projekt, dass naturschutzfachliche Zielsetzungen, Naturerleben und vielfältige Erholungsnutzungsansprüche mit ökonomischen Überlegungen verbunden werden können. Auch dem Aspekt der Motivbildung für eine Identifizierung der Bevölkerung mit “ihrer” Grünanlage ist in diesem sozialen Kontext eine nicht unerhebliche Bedeutung zu zusprechen, wie das vergleichsweise geringe Auftreten von Vandalismus in Leipzig beweist.Heck-Rind Graffiti am Jugendtreff.

In Bezug auf die potenzielle Übertragbarkeit muss festgestellt werden, dass sich eine ökonomische Sinnhaftigkeit solcher Beweidungsprojekte im urbanen Raum nur unter gewissen Rahmenbedingungen ergibt. Insbesondere in Bezug auf die Größe der Fläche wird in der Fachdiskussion eine Mindestgröße von 20 Hektar angesehen (vgl. Felinks, B., Brux, H. 2005: 56). Darüber hinaus ergeben sich weitere Restriktionen, wie beispielsweise die Vereinbarkeit eines solchen Projektes mit den lokalen Nutzungsansprüchen an Freiräume, die fallbezogen bewertet werden müssen. Wie das Leipziger Beispiel beweist, ist jedoch letztendlich das Engagement der beteiligten Akteure ausschlaggebend für den Erfolg eines solchen Projektes.

Das Gesamtkonzept »Grüner Bogen Paunsdorf« als »Greenkeys« Projekt wurde 2007 für den »International Urban Landscape Award (IULA)« nominiert.

Interview
mit Dipl.-Ökol. Andreas Wenk
Dipl.-Ökol. Andreas Wenk
Herr Wenk, welche Umstände waren ausschlaggebend die »Primigenius gGmbH« zu gründen und sich als Pächter für das Projekt in Leipzig-Paunsdorf gewinnen zu lassen?
Begonnen hat das naturschutzgerechte Beweidungsprojekt der NABU Köthen e.V. 1999 im heutigen Landkreis Anhalt-Bitterfeld (Sachsen-Anhalt), ehem. Landkreis Köthen, zur Sicherung und Entwicklung eines ca. 500 ha großes Naturschutzgebietes (NSG), welches durch intensive landwirtschaftliche Nutzung und staatliche Inaktivität – bezogen auf Naturschutzrecht – in hohem Maße entwertet wurde teilweise bis heute wird. Als dieses Projekt begann, stellte sich für den Verein heraus, dass dieser nicht als Landwirt auftreten kann und dementsprechend landw. Förderungen erhält wie jeder andere normale Landwirt. Die Primigenius gGmbH ist als 100-prozentige Tochter des NABU Köthen e.V. dessen Landschaftspflegefirma und bewirtschaftet landwirtschaftliche Flächen unter dem Primat des Naturschutzes.

Leipzig-Paunsdorf war für uns interessant, weil ein völlig anderes Gebiet als das Wulfener Bruch, zudem in Stadtlage und als »als Wildnis« entwickelbar. Dieser scharfe Gegensatz zur Wohnbebauung und traditioneller Grünflächenpflege ist sehr reizvoll. Experimenteller Naturschutz – Einbeziehung und Dulden von Prozessen, Geduld, teilweise Unvorherbestimmbarkeit der Entwicklungen – und die Einbeziehung der Bevölkerung ist ein anderer Weg als rein konservierender Naturschutz, der sich nur allzu oft und dauerhaft als unfinanzierbar und auch naturschutzfachlich als Sackgasse erwiesen hat.

Die Verbindung von umweltgerechter Nutzung auf großen Flächen, die artgerechte, nutzungsbezogene Haltung von Tieren mit Naturschutz und Erleben der Landschaft zu verbinden ist eine unglaublich reizvolle Aufgabe, die durch die Stadtnähe noch deutlicher wird.

Inwiefern unterscheidet sich die praktische Bewirtschaftung in Leipzig-Paunsdorf von ihren anderen Beweidungsprojekten auf dem Land?
Es gibt unterschiedliche naturschutzfachliche Zielstellungen in den beiden bisher betreuten Gebieten Wulfener Bruch und Leipzig-Paunsdorf: die Besatzstärke (Großvieheinheiten auf der Fläche: GVE/ha) ist unterschiedlich. In Leipzig beträgt sie ca. 0,3 GVE/ha, in Wulfen 0,5-0,6 GVE/ha.

In beiden Gebieten wird generell, außer in Extremsituationen aus Tierschutzaspekten, nicht zugefüttert. Das heißt, dass die Tiere ganzjährig ausschließlich von dem Aufwuchs der Flächen leben. Beide Gebiete haben keine Ställe, Unterstände oder Ähnliches. In Leipzig-Paunsdorf ist der Gehölzanteil wesentlich höherer. Dieser Flächen-Anteil soll erhalten bleiben. Darüber hinaus kann in Leipzig – als »befriedeter Bezirk« – nicht geschossen werden. In Wulfen hingegen werden die Tiere zum Schlachten aus der Herde herausgeschossen, was eine deutlich geringere Unfallgefahr für beteiligte Menschen und weniger Stress für die Tiere bedeutet, denn halbwild gehaltene Tiere – die kaum in direkten Kontakt zum Menschen treten und keinen Stall kennen – in einen Schlachthof zu bringen, ist für alle Beteiligten extrem hoher Streß und gefährlich.

In Leipzig musste ein wesentlich aufwendigerer Zaun errichtet werden, weniger, weil die Angst besteht, dass die Tiere selbst ausbrechen, sondern damit es schwerer ist, über Zaunbeschädigungen durch Menschen einen Ausbruch der Tiere zu provozieren. Zudem ist hier die optische Barriere für die Besucher notwendig.

Welchen Stellenwert hat der ökonomische Aspekt für die Primigenius gGmbH?
Der ökonomische Aspekt ist grundlegend und führt weg vom »Luxusnaturschutz«, der ausschließlich von Subventionen, politischen Ausrichtungen und weiteren Abhängigkeitsverhältnissen lebt. Er verbindet Nutzung mit notwendigem Naturschutz -Lehrfunktion, Erziehungsfunktion, Erhaltung einer vielgestaltigen Umwelt etc. – und schafft auf diese Weise Grundlagen für seinen dauerhafte Fortführung und Entwicklung.

Das Vogelschutz-Komitee e.V. (VsK – Göttingen) und die Deutsche Umwelthilfe e.V. (DUH) sind uneingeschränkt und vorbehaltlos die wesentlichen Förderer unserer naturschutzgerechten Beweidungsprojekte in Sachsen und Sachsen-Anhalt. Die Hochschule Anhalt (FH) ist wesentlich an der wissenschaftlichen Begleitung unser Projekte beteiligt.

Andreas Wenk ist Geschäftsführer bei der »Primigenius Köthener Naturschutz- und Landschaftspflege gGmbH«.

Quellen:

FELINKS, B., BRUX, H. (2005): Pflege von städtischen Grünflächen durch Beweidung?
In: Stadt und Grün / Das Gartenamt, Jg.54, H.11, S.54-58
»Download (6,3 MB PDF)

http://www.greenkeys-project.net/de/pilot_projects/leipzig.html

Mündliche Angaben
Dipl.-Ökol. Andreas Wenk: Primigenius – Köthener Naturschutz und Landschaftspfleg gGmbH

Abbildungen
1,2,4: Andreas Wenk©
3: greenkeys©

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