Nette Toilette

Im Rahmen der Aktion »Nette Toiletten« stellen Gastronomen in der Stadt Aalen ihre Toiletten öffentlich zur Verfügung. Ziel ist eine quantitative und qualitative Verbesserung des Angebots an kostenlosen öffentlichen Toiletten im innerstädtischen Bereich. Der kommunale Reinigungszuschuss an die beteiligten Gastronomen ist deutlich niedriger als die jährlichen Wartungs- und Reinigungskosten für die bisher bestehenden Toiletten im [...]

Logo der »Nette Toiletten«
Im Rahmen der Aktion »Nette Toiletten« stellen Gastronomen in der Stadt Aalen ihre Toiletten öffentlich zur Verfügung. Ziel ist eine quantitative und qualitative Verbesserung des Angebots an kostenlosen öffentlichen Toiletten im innerstädtischen Bereich. Der kommunale Reinigungszuschuss an die beteiligten Gastronomen ist deutlich niedriger als die jährlichen Wartungs- und Reinigungskosten für die bisher bestehenden Toiletten im öffentlichen Raum.

Kostenlose öffentliche Toiletten genießen insbesondere in größeren Städten nicht den besten Ruf. Zum Teil mangelhafte Hygieneverhältnisse, nicht zuletzt auf Grund fehlender Finanzmittel für eine angemessen Reinigungsintensität, sowie Vandalismus, oft bedingt durch die Anonymität der Einrichtungen, prägen das Image öffentlicher Toiletten und schrecken insbesondere abends von deren Benutzung ab. Die Kosten für Unterhalt und Wartung der Toiletten sind zum Teil erheblich. Nichtsdestotrotz stellen diese Notdurfteinrichtungen in Innenstädten ein notwendiges und sinnvolles Angebot dar. Insbesondere dann wenn sich eine Kommune als bürger- und konsumentenfreundlicher Handelsplatz positionieren und vermarkten will.

Ein gutes Beispiel wie durch eine Kooperation der kommunalen Verwaltung und der lokalen Privatwirtschaft eine öffentliche Aufgabe nicht nur kostengünstiger, sondern auch quantitativ und qualitativ attraktiver gestaltet werden kann stellt das Konzept »Nette Toiletten« dar. Das Konzept wurde in Zusammenarbeit zwischen dem damaligen City-Manager der Stadt Aalen, lokalen Akteuren und der lokalen Werbeagentur »Studioo« entwickelt und 2001 initiiert. Das Prinzip des Konzepts stellt sich als verhältnismäßig simple dar: lokale Gastronomen im Innenstadtbereich erklären sich bereit ihre Toilette nicht nur Kunden, sondern auch der Öffentlichkeit während ihrer Öffnungszeiten kostenlos zur Verfügung zu stellen und bekommen von der Stadtverwaltung im Gegenzug einen monatlichen Zuschuss für die Reinigungskosten. Die beteiligten Gastronomiebetriebe sind mit einem lizensierten Logo – einem stilisierten Gesicht dessen Augen zwei Nullen darstellen – im Eingangsbereich sichtbar gekennzeichnet.

Die schwäbische »Ostalbmetropole« Aalen mit ihren knapp 67.000 Einwohnern unterhielt bis zur Einführung der netten Toiletten über 5 öffentliche Einrichtungen die bis 2007 auf  3 reduziert werden konnte. Das Angebot der »Nette Toilette« umfasst derzeit 27 Einrichtungen in Gastronomiebetrieben und anderweitigen Einrichtungen wie Parkhäusern die sich im erweiterten Innenstadtbereich befinden. Mehrere Toilettenhäuschen konnten geschlossen werden. Die kommunalen Kosteneinsparung belaufen sich nach fünf Jahren erfolgreicher Laufzeit auf circa 250.000 €. Zusätzlich erweitert die Maßnahme das Angebot an öffentlich zugänglichen Wickelräumen wie auch behindertengerechten Toiletten. Die gesamten Aufwandsentschädigungen für die beteiligten Gastronomen wurden im Haushaltsjahr 2007 auf 20.000 Euro veranschlagt. Sie werden betriebsbezogen auf Grundlage von Besucherfrequenz, Öffnungszeiten, Ausstattung und Lage ermittelt und betragen zwischen 40 Euro und 150 Euro pro Monat.

Skepsis wird seitens des Gastronomieverbands DEHOGA formuliert, der auf die Einschränkungen des Hausrechts und einen höheren Kontrollaufwand für die Gastronomen hinweist. Dass mit dieser Aktion allerdings auch ein gewisser Werbeeffekt für die beteiligten Betriebe verbunden ist, der sich zum einen durch die Bewerbung selbiger in den einschlägigen Übersichtsplänen und zum anderen durch das unverbindliche »Reinschauen« in die Betriebe ergibt, ist nicht von der Hand zu weisen.

Inzwischen wurde das Konzept »Nette Toilette« und dessen Derivate in insgesamt ca. 60 Städte bundesweit »importiert«. Unter anderem auch in Großstädte wie Jena und Heilbronn. Überlegungen gibt es in Freiburg und Münster. In Heilbronn fallen für 8 »Nette Toiletten« zur Ergänzung des Angebots an öffentlichen Toiletten jährlich circa 9.000 € an. Einen Haken hat die Sache dennoch: Für die Verwendung des Konzepts bzw. Logos »Nette Toilette« muss eine Lizenzgebühr von 800-1.000 € aufgebracht werden.

Update März 2010

Das beschriebene Prinzip steht selbstverständlich nicht unter Patentschutz oder dergleichen.

Interview
mit Dipl. Betriebswirt (BA) Reinhard Skusa
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Herr Skusa, was war die Hauptmotivation für die Initiierung des Programms »Nette Toilette« in der Stadt Aalen?
Im Rahmen meiner Tätigkeit als City Manager der Stadt Aalen führten wir im Jahr 2000 eine Kundenbefragung im Innenstadtbereich durch. Resultat war unter anderem eine frappierende Unzufriedenheit mit der Situation der öffentlichen Toiletten sowohl in quantitativem als auch im qualitativen Sinne. Dies wurde insbesondere seitens der Generation 50+ bemängelt. Auf Grund dieser Erkenntnisse, wie auch der Tatsache, dass die Stadt ja bereits für jede öffentliche Toilette jährliche Pflegekosten von durchschnittlich 35.000 € – zuzüglich 5.000-10.000€ zur Beseitigung von Vandalismusschäden – aufbringen muss, sahen wir dringenden Handlungsbedarf. Zuerst wurde eine vollautomatisierte Toilette installiert, die jedoch entgegen unserer Erwartungen nur bedingt angenommen wurde und darüber hinaus Kosten von 30-35€ pro Toilettengang verursachte. Ein weiterer Ausbau dieses Systems war somit nicht tragbar.

Als Reaktion darauf hat das Citymanagement in Kooperation mit dem Innenstadtverein Aalen City aktiv e.V. und weiteren Akteuren das Konzept »Nette Toilette« entwickelt. In Folge dessen wurden zwei öffentliche Toiletten geschlossen um die Hälfte der eingesparten Mittel zur Finanzierung der »Nette Toiletten« heranzuziehen.

Welcher Überzeigungsaufwand musste aufgebracht werden um die Gastwirte für das Programm zu begeistern?
Auf Grund der guten Vernetzung des Citymanagements mit der lokalen Gastronomie bzw. Einzelhandel musste keine allzu große Überzeugungsarbeit geleistet werden. Mit 10 Gastronomen startete die »Nette Toilette«. Mittlerweile gibt es eine Warteliste für interessierte Gastronomen, da das Budget für das Programm gedeckelt ist.

Für wie wichtig erachten Sie öffentliche Toiletten für die Attraktivität von integrierten Einkaufslagen bzw. Innenstädten?
In Bezug auf Aalen war ich zunächst sehr überrascht, dass diese Problematik überhaupt besteht. Als junger Mensch hat man offenbar weniger Berührungsängste in ein Cafe zu gehen und zu fragen ob man die Toilette benutzen darf. Die Hemmschwelle für Ältere ist deutlich höher und erhöht sich je »jünger« oder »szeniger« der Eindruck der jeweiligen Gastronomieeinrichtung ist. Und die Zielgruppen der Gastronomieeinrichtungen im Innenstadtbereich sind tendenziell eher jünger. Ein ausreichendes Angebot an Toiletten wird somit insbesondere von der Generation 50+ und Älteren als sehr wichtig erachtet.

Die Gastronomen haben durch die »Nette Toilette« teilweise auch ihren Kundenstamm um genau diese Generationen erweitern können und stellen sich auch darauf ein. Selbiges gilt übrigens auch für das Angebot an Wickeltischen. Das Programm »Nette Toilette« stellt somit eine klassische »win-win-situation« für alle Beteiligten dar.

Reinhard Skusa ist Geschäftsführer der »MRS Marketing Gmbh« und ehemaliger City-Manager der Stadt Aalen.

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