RAW Tempel e.V.

„Mauer, nichts als Mauer in der Revaler Straße, doch dahinter erstreckt sich ein riesiges Areal. [Das ehemalige RAW (Reichsbahnausbesserungswerk) Franz Stenzer]. In den offen stehenden Fabrikhallen liegen Glasscherben eingeschlagener Fenster auf dem Boden. Ein ausgebrannter Imbisswagen gammelt vor sich hin.“ (Ermer 1999:22) Brachgefallene, ungenutzte innerstädtische Bahnflächen stellen in vielen Städten ein unausgeschöpftes stadtentwicklungspolitisches Potenzial dar. [...]

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„Mauer, nichts als Mauer in der Revaler Straße, doch dahinter erstreckt sich ein riesiges Areal. [Das ehemalige RAW (Reichsbahnausbesserungswerk) Franz Stenzer]. In den offen stehenden Fabrikhallen liegen Glasscherben eingeschlagener Fenster auf dem Boden. Ein ausgebrannter Imbisswagen gammelt vor sich hin.“ (Ermer 1999:22)

Brachgefallene, ungenutzte innerstädtische Bahnflächen stellen in vielen Städten ein unausgeschöpftes stadtentwicklungspolitisches Potenzial dar. Dies liegt zum einen an ihrer oftmals zentralen wenn auch isolierten Lage im Stadtgefüge sowie zum anderen an einer übersichtlichen Eigentümerstruktur. Dass eine Entwicklung solcher Flächen im Sinne der Idee des »Null Euro Urbanismus« möglich ist, jedoch oftmals ein zäher und langwieriger Prozess ist, zeigt das Good-Practice-Beispiel auf dem Areal des »Reichsbahn-Ausbesserungswerk (RAW) Franz Stenzer« in Berlin Friedrichshain.

Das Projekt steht sinnbildlich für einen innovativen Ansatz der Stadtentwicklung, der auf einer Vereinbarung zwischen einer privaten Bewohner- und Künstlerinitiative, dem Bezirk Friedrichshain und der Deutschen Bahn AG als Eigentümer basiert, ohne dass signifikante Kosten für einen dieser drei Akteure entsteht.

Was braucht es nun für ein solch gelungenes Projekt? Als Grundvoraussetzung erstmal… viel Geduld und Durchhaltevermögen… Dass beides von Nöten sein wird, war einer Gruppe von engagierten Anwohnern und Künstlern, die sich zum Verein »RAW Tempel e.V. « zusammengeschlossen hatten, durchaus bewusst, als sie im August 1998 ihre Entwicklungsidee im Bezirksamt bzw. im November 1998 vor zwei Bezirksstadträten vorstellte.

Grobes Ziel war die Entwicklung einer kleinen »Stadt innerhalb der Stadt«, die vornehmlich Raum -physisch und ideell- bieten sollte für Kultur und Stadtteilprojekte jeglicher Art. Dass eine solche Idee aufgrund ihrer basisdemokratischen Ausrichtung einer Stadtentwicklung von unten und vor dem Hintergrund klammer öffentlicher Kassen auf das Interesse der Bezirksräte stieß, ist selbstverständlich.

War die Idee bisher nur in den Köpfen der Initiatoren existent, war nun also der Bezirk mit im Spiel um die temporäre Nutzung des Areals. Temporär deshalb, weil aus stadtplanerischer Sicht und Eigentümerinteresse eine immobilienwirtschaftliche Entwicklung des Gebietes uneingeschränkte Priorität hat. Früher oder später soll die 72 ha große Brachfläche den Raum für ein neues mischgenutztes Stadtquartier bieten. Wohl eher später… wenn es nach den Mitgliedern des »RAW Tempel e.V.« geht. Solange jedoch noch kein Investor für das Gelände gefunden ist, liegt es im Interesse aller Beteiligten, den archaischen Raum durch eine Zwischennutzung zu beleben. Ein Vertreter der Allianz Gründstück GmbH als Verwaltungsgesellschaft der Bahnflächen unterstreicht den Mehrwert der temporären Nutzung : »Wir [als Vertreter der Deutschen Bahn] versprechen uns […] einen Imagegewinn und betrachten diese Vermietung als eine Investition in die Zukunft.« (Ermer 1999:22)

Es bedurfte einiger Vermittlung der Bezirksstadträte und eines ausgearbeiteten Zwischennutzungskonzeptes, um das Vertrauen des Eigentümers zu gewinnen. Restriktionen resultierend aus beidseitigem Misstrauen zwischen Verein und Eigentümer erschwerten die Umsetzung der Projektidee. So war es z.B. dem Verein zuerst nicht möglich, das Privatgelände zu betreten, sodass die erste Ortsbegehung im Oktober 1998 »virtuell« durchgeführt wurde. Nichtsdestotrotz wurde im Mai 1999 ein mündlicher Vertrag zur Nutzung von vier Gebäuden auf dem Areal für zunächst 3 Jahre geschlossen. Dies geschah jedoch nicht direkt zwischen dem Verein und der DB AG, sondern es bedurfte des Bezirksamts Friedrichshain, das vermittelnd als Mieter auftrat und das Gelände dem »RAW Tempel e.V.« zur Nutzung überließ.

Zuschüsse von kommunaler Seite gibt es keine, lediglich der Verzicht auf Mieteinnahmen aufgrund der Tatsache, dass der Verein lediglich die Betriebskosten aufbringen muss, ist als indirekter finanzieller Aufwand zu sehen.

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Wie genau sieht nun das Projekt des RAW Tempel aus? Wie bereits erwähnt, wurde 1998 ein Nutzungskonzept entwickelt, das für die Räumlichkeiten künstlerische und kleinunternehmerische Nutzungen vorsieht. Vier Gebäude werden vom Verein betrieben. Das »Stoff- und Gerätelager« wird mit den Themenschwerpunkten »Klang und Bewegung« genutzt und beherbergt einen Veranstaltungsort für Rockkonzerte. Das »Ambulatorium« bietet Raum für leisere, introvertierte Veranstaltungen. Das »Beamtenwohnhaus« beherbergt eine Mischnutzung, die sich aus Ateliers, Werkstätten und Seminarräumen zusammensetzt. Das »Verwaltungsgebäude« bietet Räumlichkeiten für Workshops, Seminare, und Tagungen. Eine Etage ist reserviert für den internationalen Austausch: Gastateliers/Gästehaus. Nicht zuletzt aufgrund des temporären Charakter versteht sich das Projekt als dynamisches Gebilde, das wesentlich von den aktuell in den Gebäuden befindlichen Verein und Betriebe getragen wird.

Welche Restriktionen ergeben sich aufgrund der temporären Nutzung? Temporäre Nutzungen vornehmlich von Bahnflächen könnten ja als »Allheilmittel« der aktuellen Stadtentwicklungsdiskussion angesehen werden, doch lassen sich anhand des »RAW Tempel«-Projektes durchaus Restriktion aufzeigen, die einer temporären Ausrichtung ohne oder mit beschränkter Planungssicherheit erwachsen. Negativer Höhepunkt war sicherlich die fristlose Kündigung des Nutzungsvertrages im Mai 2001. Die Vivico Real Estate GmbH als neue Verwaltungsgesellschaft der Bahnimmobilie berief sich auf Vertragsverstöße als offizielen Kündigungsgrund. Zudem suchte die Vivico nach einem Bebauungskonzept der Fläche, indem sie einen beschränkten Wettbewerb zur Erstellung eines Nutzungskonzeptes ausrief. Erst nach massivem öffentlichen Druck machte die Eigentümerin einen Rückzieher, der schließlich in der Unterzeichnung eines schriftlichen Vertrages im November 2002 mündete und die temporäre Nutzung des Gebietes über mindestens zehn Jahre gewährleistete.

Somit wurde auch ein weiteres Hemmnis, die fehlende Planungssicherheit, zumindest teilweise beseitigt. In der anfänglichen Pionierphase standen die Wiederherstellung von verschiedenen Installationen und Infrastrukturen ständig zur Disposition. Lohnt es sich, in einigen Räumen ein neues Heizungssystem zu installieren unter dem ständigen Damoklesschwert der Kündigung des Zwischennutzungsvertrages? Diese Bedenken stehen nun zumindest zeitlich in einem anderen perspektivischen Licht.

Welche planerische Zukunftsperspektive hat das Projekt? Das Projekt wird von der Berliner Stadtbevölkerung gut angenommen und hat einen kontinuierlichen Wandel hin zu einer ernstzunehmenden Bestandteil des Stadtteillebens erlebt. Neben zahlreichen Veranstaltungen, Tagungen und Workshops, die zum kulturellen Image des Bezirks und Quartiers beitragen, leistet das Projekt mit aktuell rund 120 HZA- und GZA-Kräften jährlich auch nicht zu vernachlässigende Beschäftigungseffekte. Diese Orientierung soll in den nächsten Jahren verstärkt werden, indem der Verein mittelfristig in eine Regionale Entwicklungsgenossenschaft und in ein soziokulturelles Projekte- und kulturgewerbliches Gründerzentrum umgewandelt werden soll.



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Quellen:

ERMER, Marc (1999):
Kulturtempel fährt ins Eisenbahnwerk. In: Tageszeitung Berlin, 5. Juli 1999, Berlin.

RAW TEMPEL E.V. (2007):
RAW Tempel e.V. Soziokulturelles Projektezentrum. http://www.raw-tempel.de (Zugriff:15.03.2008)

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