Kochhaus

Engagement in der Stadtentwicklung wird vielerorts noch unterschätzt. Dass es einen Grund gibt diese Haltung zu überprüfen zeigt das Beispiel Kochhaus. Denn ohne die Anstrengung einer bürgerschaftlichen Initiative wäre die Zukunft eines Stücks gebauter Geschichte der Stadt Dessau sehr ungewiss gewesen. Viele attraktive Quartiere deutscher Städte zeichnen sich durch einen hohen Anteil gründerzeitlicher Architektur aus, [...]

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Engagement in der Stadtentwicklung wird vielerorts noch unterschätzt. Dass es einen Grund gibt diese Haltung zu überprüfen zeigt das Beispiel Kochhaus. Denn ohne die Anstrengung einer bürgerschaftlichen Initiative wäre die Zukunft eines Stücks gebauter Geschichte der Stadt Dessau sehr ungewiss gewesen.

Viele attraktive Quartiere deutscher Städte zeichnen sich durch einen hohen Anteil gründerzeitlicher Architektur aus, die in ihrer sehr urbanen Erscheinung von Bewohnern wie Passanten gleichermaßen geschätzt wird und oft als Indikator für eine gehobene Wohnqualität gilt. Darüber hinaus stellen Gründerzeitbauten aber auch eine denkmalpflegerische Bürde für die Eigentümer dar, sind die Gebäude doch um die 120 Jahre alt und oft mit detailreichem Ornament geschmückt, das sehr witterungsanfällig ist. In erster Linie wird der Erhalt der wertvollen Bauten von den Eigentümern natürlich unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten gesehen. Diese Betrachtungsweise kann unter Umständen zur Vernachlässigung der Objekte führen und birgt daher die Gefahr zum Verlust für die Ästhetik des Stadtbilds zu werden.

Diese Gefahr bestand auch beim Gebäude der ehemaligen Eisenhandlung »Wilhelm Koch KG« im Dessauer Gasviertel, einem denkmalgeschützten Wohn- und Geschäftshaus aus dem Jahr 1889. Denn als die Treuhandanstalt das Gebäude Anfang der 1990er Jahre an eine Firma veräußerte, meldete diese kurze Zeit später Konkurs an und konnte die finanziellen Aufgaben, die mit der Pflege des Gebäudes einher gingen, nicht mehr bewältigen. Die Immobilie drohte zu verfallen.

Unweit befindet sich das Dessauer Bahnhofsgebäude, in welches das Bundesumweltamt 1996 seinen Einzug angekündigt hatte. Daher musste die dort ansässige Bürogemeinschaft um den Stadtplaner Dr. Schmidt ihr Zuhause räumen und eine neue Bleibe suchen. Das verlassene Gebäude der Eisenhandlung schien damals eine reizvolle neue Adresse und gleichzeitige Herausforderung zu bieten. Denn die Stadt Dessau hatte kein Konzept für den Erhalt des denkmalgeschützten Gebäudes. Gleichzeitig waren sich die Bürger, vor allem die besagte Bürogemeinschaft, des städtebaulichen Werts des Gebäudes bewusst.

Diesem Umstand, wie auch der Aktivität der Ehefrau Dr. Schmidts im Wohnbund e.V., einem Verein, der sich mit der Entwicklung und Realisierung zeitgemäßer Wohnformen beschäftigt, ist es geschuldet, dass sich 1998 um die Bürogemeinschaft eine engagierte Interessensgruppe formierte. Ihre Mitglieder setzten es sich zum Ziel, das Gebäude der Eisenhandlung zu erhalten und in ihm für sich selbst und andere günstigen Wohn- und Arbeitsraum zu schaffen. In der Genossenschaft wurde eine Rechtsform gefunden, mit der die Kosten auf alle Schultern gleichermaßen verteilt werden konnten, so dass der erste Schritt zur Sanierung der alten Bausubstanz getan war. Nachdem durch die DAKSBAU e.G. – so wurde die Genossenschaft benannt – ein Kredit aufgenommen wurde, erfolgte 1999 die Pionierbesiedlung, indem die grundlegende Technik des Hauses, also Elektrik und sanitäre Anlagen, durch Auftragsarbeit und Eigenleistung wieder nutzbar gemacht wurden. Somit wurden die 1150qm Nutzfläche schrittweise wieder belegt.

Mit einer Investitionssumme von einer Million DM sowie viel Eigenarbeit konnte das mittlerweile umgetaufte »Kochhaus« denkmalgerecht saniert werden. Es entstanden acht unterschiedliche Wohnungen, sieben Büros und eine Food Koop. Die moderate Miete lässt sich durch die Mieter weiter verringern, indem sie sich in Eigenleistung an der Verwaltung und dem Erhalt des Gebäudes beteiligen. Auf diesem Wege erreichte Neuerungen wie die Regenwasser-WC-Spülungsanlage und die neue Pflasterung des Innenhofs zeigen, dass mit persönlichem Engagement eine neue Qualität der Immobilie erlangt werden konnte.

Außerdem konnte man im Rahmen einer Beschäftigungsmaßnahme zwölf arbeitslosen Handwerkern vorübergehend die Möglichkeit bieten, in einer Baufirma tätig zu werden und an der Sanierung des Kochhauses mitzuwirken. Ein Großteil des Lohns der Handwerkers wurde vom Arbeitsamt übernommen und stellt einen Beitrag zur Denkmalpflege aus öffentlicher Hand dar, ohne den der finanzielle Rahmen des Projekts gesprengt worden wäre.

Um der Vollständigkeit Willen ist an dieser Stelle auch der Beitrag von 3000 DM der Stadt Dessau zu erwähnen. Weiterhin zu nennen ist auch die damals gültige Besonderheit der Investitionszulage, die es erlaubte, 15 Prozent der Kosten für die Wohnungssanierung steuerlich geltend zu machen.

Heute trägt sich das Kochhaus zu 100 Prozent aus eigener Kraft. Im Umfeld haben sich auch schon einige Projekte mit ähnlichem Charakter etabliert und leisten so auch einen Beitrag zur Stadtentwicklung Dessaus. Nichtsdestotrotz kann Dr. Schmidt als Besiedlungspionier der ersten Stunde bestätigen, dass ohne die richtigen Leute und ein von der Planungs- bis zur Nutzungsphase durchdachtes Konzept sowie eine angemessene Immobilie der Erfolg so eines Vorhabens auf tönernen Füßen steht.

Im Fall des Kochhauses hat alles gestimmt. Blickt man auf die vergangenen zehn Jahre zurück, wird deutlich, dass der Stadt Dessau dank dieses privaten Engagements ein historisches Dokument ihrer gebauten Geschichte erhalten geblieben ist, ohne Kosten im kommunalen Haushalt verursacht zu haben. Damit erbringt das Kochhaus den Beweis, dass qualitativ hochwertige Stadtentwicklung auch aus der oftmals noch unterschätzten Hand bürgerschaftlicher Initiativen erbracht werden kann.

Interview

Dr. Holger Schmidt
mit Herrn Dr. Holger Schmidt

Herr Schmidt, welchen Stellenwert für die Stadtentwicklung sollte man – Ihrer Meinung nach – in Zukunft bürgerschaftlichen Initiativen beimessen?
Bürgerschaftliche Initiativen können in Fällen, in denen der Markt versagt oder der Staat in seiner Handlungsfähigkeit eingeschränkt ist, wichtige Impulsgeber sein. Da es sich meist um Projekte handelt, die für die Beteiligten solcher Initiativen mit einem hohen emotionalen Wert verknüpft sind, besteht unter Umständen auch bei objektiv betrachtet unvorteilhaften Gegebenheiten noch die Möglichkeit auf ein Engagement. Für die Planung ist es also ein Vorteil, mit bürgerschaftlichen Initiativen eine zusätzliche und flexible Option zu haben.

Könnte die Stadt bzw. das Land – Ihrer Meinung nach – Projekte mit ähnlichem Charakter unterstützen, ohne dabei das Moment der Eigeninitiative zu hemmen? Wenn ja, wie?
Ohne Frage kann von der Seite der öffentlichen Hand Unterstützung geleistet werden, die sogar motivierenden Charakter hat. Ich denke dabei in erster Linie an eine finanzielle Unterstützung. Hilfreich wäre aber auch ein Unterstützungsnetzwerk auf regionaler oder Landesebene, das den Erfahrungsaustausch fördert. So könnten einzelne Projekte über ein bestimmtes Niveau hinaus gebracht werden, indem es von einer Initiative abgegeben und von einer anderen aufgenommen und fortgeführt wird. Es muss das Ziel eines jeden Projekts dieser Art sein von dauerhaften Subventionsleistungen wegzukommen. Meiner Meinung nach wäre dies ein Weg um dem einen großen Schritt näher zu kommen.

Denken Sie, dass das Modell des Kochhauses ein Ersatz für die konventionelle Denkmalpflege darstellen kann?
Wenn Sie mit konventioneller Denkmalpflege meinen, dass Zuschüsse direkt aus dem Etat für Denkmalpflege des Landes an das jeweilige Projekt gehen, dann stellt der Fall des Kochhauses hinsichtlich der finanziellen Unterstützung ein alternatives Modell dar. Wir haben zwar keine Zuwendungen aus dem Etat für Denkmalpflege erhalten, dennoch wurden wir durch das Arbeitsamt, das einigen Handwerkern einen großen Lohnanteil zahlte, unterstützt. Die öffentliche Hand leistete somit schon einen finanziellen Beitrag zu unserem Projekt. Außerdem bekamen wir bei der Untersuchung der Bausubstanz einige Experten zur Seite gestellt. Das ist ja der eigentliche Teil der Denkmalpflege, der für die Eigentümer denkmalgeschützter Objekte kostenlos ist. Daher kann man wohl von keinem Ersatzmodell der Denkmalpflege sprechen.

Herr Dr. Holger Schmidt gehört zum Vorstand der DAKSBAU e.G.

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