Radstation Bielefeld

null_euro_urbanismus_radstation_1.jpgWenn man mit dem Zug durch die Republik fährt ist man oft sehr erstaunt über die Vielzahl an Stellwerktürmen, Packlagern und sonstigen bahnbezogenen Immobilien die offensichtlich ihre einstige Funktion verloren haben. Und man hat oft das Gefühl, dass ihre Existenz lediglich am Faden eines hohen Abrissaufwandes hängt.[…]

Hartkalkulierenden Verhandlungspartner erfordern harte Überzeugungsarbeit. Dass sich diese nachhaltig lohnen kann zeigt das Projekt »Fahrradstation« in der ostwestfälischen Metropole Bielefeld.

Wenn man mit dem Zug durch die Republik fährt ist man oft sehr erstaunt über die Vielzahl an Stellwerktürmen, Packlagern und sonstigen bahnbezogenen Immobilien die offensichtlich ihre einstige Funktion verloren haben. Und man hat oft das Gefühl, dass ihre Existenz lediglich am Faden eines hohen Abrissaufwandes hängt.

Das Schicksal des Abriss drohte auch einer Expressguthalle des Hauptbahnhofs Bielefeld. Bis es Anfang der 1990er Jahre zu einer interessanten Wendung kam: nach intensiven Verhandlungen konnte die Stadt Bielefeld, mit Unterstützung diverser Interessensverbände die Deutsche Bahn AG davon überzeugen, die Immobilie nicht abzureißen und auf die Errichtung von Parkplätzen für motorisierte Kunden an selbiger Stelle zu verzichten. Das vorgeschlagene Konzept eines Fahrradparkhauses muss offensichtlich sehr überzeugend gewesen sein: seit diesem Zeitpunkt stellt die Bahn das Gebäude kostenlos zur Verfügung.

Die Einrichtung nahm im Sommer 1992 mit 280 Stellplätzen ihren Betrieb auf. Von Beginn an nahmen täglich etwa 300 Radfahrerinnen und Radfahrern im Alter zwischen 20 und 45 Jahren das Angebot wahr, ihr Vehikel an einem geschützten und sicheren Ort zu parken, um in den ÖPNV umzusteigen oder die zu Fuß zu besuchen. Mit dem Rad ins Parkhaus, dann weiter mit dem Zug, der Stadtbahn, dem Bus zur Schule, zur Arbeit, ins Kino oder zum Einkaufsbummel in die Bielefelder City – keine realitätsferne Vision ambitionierter Stadtplaner, sondern Alltag in Ostwestfalen-Lippe. 1997 wurde durch die Bahn, aufgrund der gestiegenen Nachfrage, eine Erweiterungsfläche für die »Fahrradstation« zur Verfügung gestellt. Über 390 überdachte Stellplätze verfügt das Parkhaus seitdem.

null_euro_urbanismus_radstation_1.jpgDoch das Angebot der »Fahrradstation« umfasst mittlerweile nicht nur das Angebot eines bewachten Fahrradparkhauses. Inzwischen haben sich im Gebäude, neben der Geschäftsstelle des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC), auch ein Fahrradladen mit Reparatur- und Wartungsservice sowie ein Fahrradkurier angesiedelt. Die »Fahrradstation«, der damals bundesweit der Charakter eines Pilotprojektes zuzuschreiben war, wurde zunächst durch die Stadtwerke Bielefeld in Verbindung mit dem ADFC betrieben. Im weiteren Verlauf wurden der ansässige private Fahrradladen sowie der Kurierdienst in den Betrieb und die Verwaltung der »Fahrradstation« miteinbezogen. Im Jahr 2003 hat die »moBiel GmbH«, ein Unternehmen der Stadtwerke Bielefeld, das Fahrradparkhaus am Hauptbahnhof übernommen und nach dem erfolgreichen NRW-weiten Konzept der »Radstation« umgestaltet und erweitert.

Im Sinne einer nachhaltigen Verkehrsnutzung zeichnet sich dieses Projekt vor allem durch die Stärkung des »Umweltverbunds« (Fahrrad, öffentlicher Personennahverkehr, Bahn) und einen kostengünstigen stadtentwicklungspolitischen Nutzen aus. In Hinblick auf die beteiligten Akteure, die Stadtbevölkerung und Touristen als Nutznießer kann in diesem Fall von einer »win-win-Situation« gesprochen werden.

Der finanzielle Einsatz der Stadt Bielefeld für Umbau und die Ausstattung konnte in der Initiierungsphase weitestgehend durch Städtebauförderungsmittel des Landes gedeckelt werden. Der aktuelle Betrieb finanziert sich durch die Mieteinnahmen der angesiedelten Firmen und die Nutzungsentgelte der Kunden etwa zur Hälfte selbst. Die restliche Hälfte der Kosten wird durch Zuschüsse des Landes bzw. durch die Stadt gedeckt.

null_euro_urbanismus_radstation_2.jpg
Das Konzept der Bielefelder »Fahrradstation« hat in der Zwischenzeit, ob in Form einer Nachnutzung oder als Neubau, als Vorbild für viele Nachfolgeprojekte in Deutschland gedient. So wurden im Rahmen des später initiierten NRW-weiten Projekts, mit dem Label »Radstation«, an vielen Standorten ebenfalls Bestandsgebäude der Bahn für Fahrradparkhäuser genutzt. Mit relativ geringem Aufwand ließ sich beispielsweise auch die Fahrradstation in Essen realisieren. Im Rahmen des Programms gesammelte Erfahrungswerte waren unter anderem, dass die Investitionskosten bei der Nutzung ehemaliger Gepäcktunnel, Expressgut- oder Güterabfertigungshallen in der Regel geringer sind als bei aufwändigeren Neubauten, wobei bei Neubauten allerdings meist deutlich niedrigere Betriebskosten anfallen.

Eine wesentliche Stärke dieses Projektes liegt somit sicherlich in seiner guten Übertragbarkeit, wie die vielen Beispiele in Nordrhein-Westfalen und darüber hinaus zeigen. So gibt es in einigen Städten (Siegen, Basel, etc.) Machbarkeitsstudien, die eine konkrete Umsetzung des Modells der Fahrradstation prüfen.
Die Fahrradstation – ein Pionierprojekt zur Integration von Gemeinwohl und Wirtschaftlichkeit. Innovation made in Bielefeld.

Interview
mit Jens Moog

1. Herr Moog, welche Faktoren sind/waren ausschlaggebend für den Erfolg der Bielefelder »Fahrradstation«?
Wichtig war primär die intensive Zusammenarbeit zwischen ADFC, der Eigentümerin – die Deutsche Bahn AG – und des damaligen Amtes für Stadtentwicklung. In mehreren Gesprächsrunden wurde die Ausgestaltung der Möglichkeiten durch das Landesförderprogramm »Fahrradfreundliche Städte und Gemeinden in NRW« vorbereitet und schließlich in einem Nutzungskonzept fixiert. Aktuell ist die Qualität und Quantität des Serviceangebotes entscheidend, um weiterhin eine adäquate Nutzung der »Fahrradstation« zu gewährleisten.

2. Welchen Beitrag leistete die Stadtverwaltung zur Realisierung des Projektes?
Die Stadtverwaltung, d.h. das damalige Amt für Stadtentwicklung, war wesentlich an der Akquise der Mittel des Landesförderprogramms beteiligt und moderierte die Verhandlungsprozesse zwischen dem ADFC Bielefeld und der Eigentümerin.

3. Wie beurteilen Sie die Wirkung des Fahrradstation-Projektes im »Wettbewerb« zwischen dem Umweltverbund (ÖPNV, Fahrrad) und dem Individualverkehr (MIV/ Auto)?
Die hohe Akzeptanz durch die Kunden zeigt, dass für einige Bielefelder das Fahrrad durchaus eine Alternative zum Auto darstellt. Sicherlich darf man die Wirkung des Projektes nicht überschätzen. Die Stärke liegt vor allem in der Kombination mit anderen verkehrspolitischen Maßnahmen, die im Rahmen der Kampagne »Fahrradfreundliche Stadt Bielefeld« ins Leben gerufen wurden, wie z.B. dem Ausbau der innerstädtischen Radwege oder der Erweiterung des Park+Ride-Angebotes.

Jens Moog ist angestellt im Amt für gesamtstädtische Planung und Stadtentwicklung der Stadt Bielefeld.

Quellen:

STADT BIELEFELD (2008):
Fahrradparkhaus – Radstation moBiel.
http://www.bielefeld.de/de/sv/verkehr/radfreundlich/fahrradinfra/ (Zugriff: 20.02.2008).

MINISTERIUM FÜR VERKEHR, ENERGIE UND LANDESPLANUNG NORDRHEIN-WESTFALEN (2004):
Fahrradstationen in NRW. Eine Idee wird Programm.
http://www.fahrradfreundlich.nrw.de/cipp/agfs/lib/all/lob/return_download,ticket,guest/bid,748/~/radstationen2004.pdf (Zugriff: 15.03.2008).

NSP

NSP

ATTITUDE